Äolsharfen & Sphärenklänge
Autor: Josef Brandl
Exakt ab dem Zeitpunkt des astronomischen Sonnenunterganges wird ein Besucher der Ruine Dürnstein bzw. der Kletterfelsen, für die Dauer von 15 Minuten von sehr ungewöhnlichen “ätherischen” Klängen, die scheinbar aus dem Nichts zu entstehen scheinen, überrascht.
Bei günstigen Windverhältnissen sind diese Töne sogar im Bereich der Hohen Wand oder auf der Nasenwand zu vernehmen.
Die ruhigen Töne betonen in ihrer Eigenart das Wesen und den Charakter dieser oft archaisch und mystisch anmutenden Landschaft rund um die alte Burgruine.
So vielschichtig wie die computergenerierten Klänge sind auch die Reaktionen und Meinungen der wahrnehmenden Menschen. Von schroffer Ablehnung bis Begeisterung reicht hier das Spektrum der Ansichten.
Seit dem 1. Juni 1998 ist das “Klang Raum Projekt” des Schweizer Komponisten Walter Fähndrich eingerichtet und täglich wahrnehmbar. Die Installation geht auf eine Initiative der KUNST.HALLE.KREMS zurück und ist speziell für den “Wunderburggraben” entwickelt worden
Es ist eines der Privilegien der Kunst, Kontroversen zu produzieren, anzuregen in sich zu hören, Aspekte der Welt aufzuzeigen, die Sinne zu fokussieren und schließlich den Prozess des eigenen Denkens zu fördern. Das resultierende Urteil mag nun jeder so fällen, wie er dazu im Stande ist. Faktum ist, dass man um eine Wahrnehmung in dieser spezifischen Art reicher nach Hause geht!
Die erzeugten Töne gleichen jenen einer Äolsharfe*) (wird auch als Wind- oder Geisterharfe bezeichnet). Es ist dies ein Musikinstrument bestehend aus einem rechteckigen Resonanzkörper, über den vier bis zwölf gleich lange Saiten unterschiedlichen Durchmessers gespannt sind. Die Saiten sind auf den gleichen Ton gestimmt. Dieses einfache Instrument wird nicht im herkömmlichen Sinne “gespielt”, sondern an einer Stelle aufgestellt, an der die Saiten durch den Wind in Schwingung versetzt werden. Wegen der unterschiedlichen Saitenstärke erklingen unterschiedliche Obertöne des gleichen Grundtones. Je stärker der Luftzug ist umso mehr Obertöne erklingen, was einen ätherischen, unheimlich anmutenden Klang erzeugt (Musiker würden diesen auch als “schräg” bezeichnen). Die Geschichte der Äolsharfe reicht zurück bis in das Alte Testament. Im 10. Jahrhundert entwickelte ein Benediktinermönch eine Harfe, die allein durch den Wind gespielt wurde. Im 19. Jahrhundert baute ein Franzose ein fünf Oktaven umfassendes Modell mit drei Saiten und einer Tastatur, das einen Luftstrom erzeugte, wenn man die Tasten drückte
*)Der Name leitet sich von Äolus, dem Herrscher der Winde in der griechischen Mythologie ab. Dieser lebte mit seinen sechs Töchtern Söhnen und sechs Söhnen auf der schwimmenden Insel Äolia. Ihm wurde vom Göttervater Zeus die Macht verliehen, die Winde zu beherrschen.
